Bio-Bauer Klaus Vidal ist für vernünftige Arbeitszeiten. Freizeit ermöglicht politisches Engagement und Meinungsbildung.

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Südwestpresse, 7.5.2018

Serie Landwirtschaft im richtigen Maß

Pfaffenhofen / Lukas Wetzel 07.05.2018

Bio-Bauer Klaus Vidal ist für vernünftige Arbeitszeiten. Freizeit ermöglicht politisches Engagement und Meinungsbildung.

„Muhhh“, ertönt es laut aus dem Ruhebereich des Stalls. „Du bist der Oberchef, fühlst dich schon als Deckbulle, auch wenn noch ein paar Zentner fehlen“, kommentiert der 55-jährige Landwirt Klaus Vidal das Muhen des männlichen Jungtiers. Die Kälber raufen wild miteinander, dann rangelt eines mit einer Mutterkuh. „Jetzt führst du dich auf und nachher nuckelst du bei der Mama“, witzelt Vidal. Ihm gehört der Vidalhof in Pfaffenhofen. Für die kleinen Kälber sei das Raufen spielerisch, bei den älteren gehe es auch um die Rangfolge.

Drei Kälbchen, drei größere Jungtiere, zehn Mutterkühe und fünf Ochsen hält der Landwirt auf seinem Hof, den es schon seit 1874 gibt, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Vidal übernahm ihn 1991, stieg direkt auf Bioland um, wechselte 2013 aber zum Biokreis. Der Grund: Ein Hof mit 200 Kühen war Bioland beigetreten. „Das ist mit Bio nicht mehr vereinbar. Ich will mit meinem Hof nicht für Bioland werben, wenn dessen Produktmengen von den großen Betrieben kommen“, sagt Vidal. Der Ursprung des ökologischen Anbaus verblasse, wenn es nur noch um Betriebswirtschaft gehe. Statt mehrerer Bioverbände plädiert der Landwirt für einen einzigen Verband in Deutschland. „So gibt es keine Reibungsverluste durch Konkurrenz.“

Systematischer Freizeitmangel

Doch nicht nur Bioland kehrte Vidal den Rücken. Im Jahr 2000 trat er beim Bauernverband aus. „Ich fühle mich vom Verband nicht vertreten, es bringt mich als kleiner Bauer in den Nachteil.“ Er schloss sich noch im selben Jahr der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) an. „Die AbL macht dem Bauernverband den Alleinvertretungsanspruch streitig.“ Der Verein fordere, dass die Arbeitsleistung der Bauern honoriert wird. Der Bauernverband befürworte dagegen, dass staatliche Fördergelder an die Höfe mit der meisten Fläche fließen. Das benachteilige kleine Bauernhöfe.

„Ich möchte in einer vernünftigen Zeit ein vernünftiges Einkommen verdienen“, sagt der Landwirt. „Ein Bauer sollte noch am öffentlichen Leben teilnehmen können.“ Vidal engagiert sich in der AbL und in der ÖDP Weißenhorn-Pfaffenhofen. In seiner Holzwerkstatt liegt noch eine Pressspanplatte aus den 90er Jahren. Darauf ist ein Plakat geklebt mit der Aufschrift: „Tschernobyl ist nicht vergessen. Vernunft setzt auf sanfte Energie. ÖDP.“ Unvernunft sieht Vidal in der Gesellschaft walten: „Mir scheint das mit der mangelnden Freizeit hat System. Man wird permanent gehetzt und kann sich keinen Standpunkt mehr bilden.“

Auch die Kälber raufen nicht nur, sie brauchen zuweilen ihre Ruhe. Dafür ist der Kälberschlupf da, ein Fluchtraum mit kleinem Durchgang, durch den nur die Jungtiere schlüpfen können. „Das ist wie bei uns: Manchmal geht einem die Mutter auf die Nerven. So kann man sie sich ein bisschen auf Distanz halten“, witzelt Vidal. Er führt seine Kühe nicht auf die Weide. Dafür haben sie einen 150 Quadratmeter großen Stall mit 60 Quadratmetern Auslauf. Auf Antibiotika und Kraftfutter verzichtet er komplett.

Bäcker und Hobbyimker

Wer in Vidals Hofladen einkauft, kann sich die Tiere vorher im Kuhstall anschauen. Im Laden gibt es aber nicht nur Rindfleisch zu kaufen, sondern an Eigenprodukten auch  Gemüsesorten wie Lauch, Kartoffeln und Kürbisse, Gebäck und Honig. Überdies baut Vidal auf 18,5 Hektar Ackerland Kleegras, Dinkel, Weizen, Hafer, Roggen, Lupine und Ackerbohnen an. Überschüsse, die er nicht direkt vermarktet, gehen an die Erzeugergemeinschaft Kornkreis. Seine 60-jährige Ehefrau Eva Vidal kümmert sich um die Vermarktung, ihr Mann um die Produktion. Klaus Vidal ist gelernter Landwirt und Bäcker, darüber hinaus Hobbyimker.

Noch fünf Jahre will der Landwirt den Hof betreiben. „Dann sollte ich wissen: Nimmt’s einer oder nicht?“ Seine vier Kinder wollen das Unternehmen momentan nicht übernehmen. „Ich sollte jetzt einen jungen Menschen begeistern können, ihm ehrlich eine Perspektive aufzeigen können“, sagt Vidal.

Gegen das Höfesterben

Arbeitsgemeinschaft In einer fünfteiligen Serie stellen wir Landwirte vor, die nicht Mitglied im Bauernverband sind, sondern in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Diese setzt sich für den Erhalt kleinerer und mittlerer Höfe ein. Ihre agrarpolitischen Positionen stehen häufig im Widerspruch zu denen des Bauernverbands.


Bio-Bauer aus Respekt vor Gottes Schöpfung

Illertissen / Lukas Wetzel 19.03.2018

Udo Haas blickt eher pessimistisch in die Zukunft: Kleine Betriebe werden durch Konzerne ersetzt.

Der Schriftzug „Ei love you!“ prangt auf dem Mobilstall. Davor picken Hühner Weizen auf. „Bis zu 25.000 Schläge macht ein Huhn am Tag“, kommentiert Landwirt Udo Haas das Picken. Auch Hund Oskar springt über das Feld. „Er ist immer dabei. Ohne ihn läuft das Auto gar nicht“, witzelt Haas. Das Feld liegt beim Flugplatz, ein paar Minuten Autofahrt von Haas‘ Bioland-Hof in Illertissen-Betlinshausen entfernt. Umzäunt ist es nicht. Bald wechseln die Hennen aber auf ein umzäuntes Feld, denn die Füchse bekommen gerade ihre Jungen und die brauchen Futter. „Wenn der Fuchs reinkommt, gerät er in einen Blutrausch und macht bis zu 40 Hühner tot, nimmt aber nur eines mit“, sagt Haas.

Ein Nebenerwerb und doch mehr

900 Legehennen und 20 Hähne hält der 53-jährige Landwirt, verteilt auf mehrere Hühnermobile. Der Vorteil: „Um einen Stall herum sind die meisten Fäkalien und Krankheitserreger“ – denen seien die Hühner aber nicht lange ausgesetzt, weil man den Mobilstall versetzen kann. Überdies baut Haas auf 140 Hektar Ackerland Kartoffeln, Erbsen, Ackerbohnen, Sojabohnen, verschiedenes Getreide, Kernobst und Erdbeeren an. Ehefrau Andrea (48) macht die Buchhaltung, eine Vollzeit- und eine Teilzeitkraft arbeiten auf dem Hof mit. Für Haas ist die Landwirtschaft nur ein Nebenerwerb.  Hauptsächlich bietet er Dienstleistungen in den Bereichen Erdbau, Abbruch und Asphalt an. Ökologische Landwirtschaft ist für den gläubigen Haas eine Herzensangelegenheit: „Ich mache es aus Respekt  vor der Natur und Gottes Schöpfung.“

2001 hat Haas den Hof von seinen Eltern übernommen und direkt auf Bioland umgestellt. Dem Bauernverband trat er nie bei – dafür aber 2005 der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Ein Grund: Der Verein kämpft gegen Nachbaugebühren. Die muss ein Landwirt an den Pflanzenzüchter bezahlen, wenn er einen Teil der Ernte aufbewahrt, um ihn im nächsten Jahr wieder auszusäen. Außerdem biete die AbL mit der „Unabhängigen Bauernstimme“ eine unabhängige Berichterstattung. Beim Bauernverband dagegen sei „die Meinungsfreiheit eingeschränkt“. Denn in dessen Gremium seien viele Vertreter aus der freien Wirtschaft, etwa aus den Bereichen Agrarchemie und Saatgut. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“, zitiert Haas eine altbekannte Wendung und fährt fort: „Bei der AbL ist das nicht der Fall.“

Auch die Politik sei mit der Wirtschaft verbandelt, sagt Haas. Landwirte hätten mit billigen Erzeugerpreisen, Nachbaugebühren und Gentechnik zu kämpfen – und das werde politisch in die Wege geleitet. „Diese politischen Monstren wirken auf den Bauer ein und machen ihn fertig.“ Im Moment rentiert sich die Landwirtschaft für Haas noch. Sein Blick in die Zukunft ist aber eher pessimistisch: „Die Landwirtschaft wird nicht den Bach runtergehen. Aber die Besitzer werden wechseln: von kleinen Betrieben zu Konzernen. Denn jeder Bauer muss immer noch mehr arbeiten, immer noch mehr Risiko tragen und wird dafür in die Pfanne gehauen mit schlechten Erzeugerpreisen.“

Extra lange Legeperiode

Seine Produkte verkauft Haas im Hofladen, außerdem an Abnehmer aus der Region. Obwohl es Bioland laut Haas nicht vorschreibt, werden  die Hühner erst nach anderthalb Jahren geschlachtet – eine halb so lange Legeperiode sei üblich. Auf 1,3 Hektar Weidefläche können sich die Tiere frei bewegen, Antibiotika kommen nie zum Einsatz.

Auf dem 6.500 Quadratmeter großen Hofgelände haben nicht alle Maschinen Platz, weshalb einige unter Zelten am Ortsrand stehen. Haas plant eigentlich eine komplette Aussiedelung, wartet aber noch auf die Genehmigung vom Landratsamt Neu-Ulm. Beim Gang über den Hof immer dabei ist Hund Oskar. Doch plötzlich ist er verschwunden. „Er geht ins Dorf spazieren“, sagt Haas. Er springt in sein Auto, weiß genau, wo sich Oskar herumtreibt. „Die Hündinnen sind läufig. Sonst ist er der bravste Hund der Welt.“

Gegen das Höfesterben

In einer fünfteiligen Serie stellen wir Landwirte vor, die nicht Mitglied im Bauernverband sind, sondern in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Die AbL setzt sich für den Erhalt kleinerer und mittlerer landwirtschaftlicher Betriebe ein. Ihre agrarpolitischen Positionen stehen häufig im Widerspruch zu denen des Bauernverbands.


Schwäbische Zeitung 13. Februar 2018

AbL contra Bauernverband

13. Februar 2018

Schwäbische Zeitung

Auf Einladung verschiedener Verbände hat sich vor Kurzem in Seligweiler die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) vorgestellt, eine Organisation für konventionelle und Bio-Landwirte. Gleich zu Anfang betonte AbL-Geschäftsführer Georg Janßen entscheidende Unterschiede zum Deutschen Bauernverband (DBV).

Während der DBV mit einem starken Lobby-Netz vorbehaltlos die Interessen der Agrochemie-Industrie vertrete, stehe die AbL seit ihrer Gründung 1973 in Herrenberg voll auf der Seite der Landwirte – und der Zivilgesellschaft, die seit Jahren eine Wende in der Landwirtschaft fordere, so die AbL in ihrer Mitteilung. Dies zeige sich einerseits an der DBV-Maxime „Weichen oder Wachsen“, mit der schon Tausende Landwirte in Deutschland in den Ruin getrieben worden seien; aber vor allem an den Problemen, die durch die jahrzehntelange Unterstützung einer industriellen Landwirtschaft seitens des DBV entstanden seien. Hier nannte Janßen Massentierhaltung und die Bedrohung der Umwelt durch massiv erhöhte Nitrateinträge im Grundwasser und das intensive Ausbringen von Ackergiften wie Glyphosat und Neonicotinoiden. Die EU-weite Glyphosat-Neuzulassung sei vom DBV geradezu „erkämpft“ worden, während die AbL für einen Ausstieg aus diesem Ackergift eintrete. An dieser Stelle zeige sich besonders der Schulterschluss, den die AbL mit den großen Umweltverbänden eingegangen sei. Zum achten Mal fand in diesem Jahr in Berlin die von großen Umweltverbänden und der AbL organisierte Großdemonstration „Wir haben es satt“ statt. Diesmal mit über 30 000 Teilnehmern und über 150 Traktoren, die von weither nach Berlin gefahren waren, um für eine zukunftsgerechte Landwirtschaft zu protestieren.

Recht auf Saatgut-Nachbau

Ein weiteres Thema stellte Janßen in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Interessengemeinschaft Nachbau (IGN) in den Mittelpunkt: Mit großem finanziellem Aufwand kämpfe die IGN in einer Solidargemeinschaft von konventionellen und biologisch wirtschaftenden Bauern für das uneingeschränkte Recht auf Saatgut-Nachbau. Zuletzt habe man vor dem BGH einen Teilerfolg erstritten. Janßen gab den fragenden Landwirten aus dem Publikum Ratschläge, wie sie beim Nachbau einer strafrechtlichen Verfolgung aus dem Wegen gehen könnten. Zum Schluss seines Referats betonte Janßen einen wichtigen Unterschied zwischen dem DBV und der AbL: Der DBV befürworte uneingeschränkt die beantragte Konzernfusion von Bayer und Monsanto. Die AbL hingegen beteilige sich in Brüssel an dem Widerstand gegen diese Fusion: Es sei eine Machtkonzentration mit bis zu 80 Prozent im Bereich Saatgut und Ackergifte zu erwarten. „Mit verheerenden Folgen für Land- und Lebensmittelwirtschaft.“

Die zweite AbL-Referentin, Annemarie Volling, betonte einen weiteren Unterschied. Diesmal beim Thema „neue Gentechnik“, einer digital gestützten Veränderung der Pflanzen-DNA bei der Pflanzenzüchtung, z.B. CRSPR/Cas. Diese neue Gentechnik sei nicht ausgereift und mit ähnlich starken Risiken verbunden, wie es schon bei der alten Gentechnik der Fall war. Deswegen trete die AbL dafür ein, dass diese neue Gentechnik in der EU und in Deutschland nicht auf den Acker komme. An erster Stelle müsse hier das Vorsorgeprinzip mit einer intensiven Risikoprüfung gelten. Auch hier, so Volling, vertrete der DBV eine gegenteilige Position.


Lebensmittelproduktion Landwirtschaft: Saatgut verleiht Macht

Südwestpresse 12.2.2018

Region / Seligweiler / Roland Schütter 12.02.2018

Mehr Unabhängigkeit von Konzernen für die Landwirtschaft, das fordert die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft.

Neue Verfahren zur Gentechnik versprechen eine einfache Änderung des Erbguts bei Pflanzen und Tieren. Doch bergen sie die gleich hohen Risiken und Nachteile für die Landwirtschaft wie bisherige. Diese Auffassung zog sich wie ein roter Faden durch eine Infoveranstaltung der „Arbeitsgemeinschaft für eine bäuerliche Landwirtschaft“ (ABL) in Seligweiler.

Das Recht auf Saatgut-Nachbau sei  ein uraltes Grundprinzip: Von der Ernte etwas aufzubewahren, um es im nächsten Jahr wieder auszusäen. Dieses Prinzip, das auf dem Spiel stehe, gelte es zu erhalten. Im Gegensatz zum Deutschen Bauernverband sieht die ABL auf diesem Weg ihre wichtigsten Kooperationspartner nicht in den Unternehmen der Agrarindustrie, sondern in den bis zu 50 Organisationen aus Umwelt-, Natur- und Tierschutz, Verbrauchern und Entwicklungspolitik. „Wir sind eine Interessenvertretung, die sich für eine zukunftsfähige Landwirtschaft im Sinne von Sozial- und Umweltverträglichkeit einsetzt“, betonte Landesvorsitzender Franz Häußler. 41 Mitglieder hat die Arbeitsgemeinschaft auf regionaler Ebene, auf Landesebene etwa 300. An die 30.000 Menschen brachte sie bei der Internationalen Grünen Woche in Berlin auf die Straße, die sich für einen guten Umgang mit Nutztieren, für Artenvielfalt, gegen das Sterben von Bauernhöfen und für Solidarität mit den Kleinbauern einsetzt. „Wer die Saat hat, hat das Sagen“: Georg Glöckle (Göttingen) zitierte diesen alten Bauernspruch, um das Machtspiel von Konzernen anzuprangern. „Das Saatgut wird künstlich verknappt, damit es teurer wird.“ Dem Sprecher des regionalen agro-gentechnikfreien Bündnisses geht es wie seinen Mitstreitern Franz Häußler und Theo Düllmann (Ulm) um den Erhalt der Unabhängigkeit bäuerlicher Betriebe.

ABL-Bundesgeschäftsführer Georg Janßen: „Die Landwirtschaftspolitik steht still. Nur Verbraucher machen sich auf, um für bessere Lebensmittel zu kämpfen.“ Der neue Berliner Koalitionsvertrag müsse daraufhin geprüft werden, ob Schritte für eine gesellschaftlich akzeptierte Landwirtschaft eingeleitet werden, um jungen Menschen in ländlichen Regionen Perspektiven zu eröffnen. „Warum soll nicht hervorragendes Saatgut miteinander am Markt konkurrieren und zu fairen Preisen gehandelt werden?“ Er kann sich Saatgutfonds vorstellen, zu denen alle Zugang haben. Auf dem Bio-Markt gebe es das schon. Sein Fazit: „Wir müssen uns wehren, sonst haben wir bald flächendeckend die Gentechnik auf den Äckern.“

Annemarie Volling (Lüneburg/Netzwerk gentechnikfreie Land-und Lebensmittelwirtschaft) nannte Beispiele aus der Milchproduktion: Dank mutiger Vorreiter in der Lebensmittelindustrie werde Milch gentechnikfrei hergestellt. Allerdings müssten die Bauern einen Mehrpreis dafür bekommen, wenn sie teureres Futter verwenden.

Nie bereut

Bio-Hof Franz Häußler (55) aus Schwörzkirch bewirtschaftet 80 Hek­tar Fläche. 50 Milchkühe sowie 30 Stück Jungvieh  stehen auf seinem Hof, der von ihm und seiner Frau seit 26 Jahren als Bioland-Betrieb bewirtschaftet wird. Dazu kommt ein Auszubildender. „Ich habe es nie bereut, denn ohne diese Entscheidung gäbe es heute den Hof nicht mehr.“ Dieser wird ab 2019 von Sohn (Andreas, 25) mitgeleitet, der momentan noch in Nürtingen Agrarwirtschaft studiert.  Die Häußlers vermarkten Milch über die Molkerei, Getreide und Alblinsen über Erzeugergemeinschaften. Eine kleine Biogasanlage (nur Mist und Gülle) liefert 75 Prozent des vom Hof benötigten Stromes.


Landwirtschaft: Nicht gegen die Natur arbeiten

Südwestpresse – 2.3.2018


Landwirtschaft: Nicht gegen die Natur arbeiten

Region / Von Lukas Wetzel 02.03.2018
Sie machen einen zufriedenen Eindruck, die zehn Kälbchen, die rechts neben dem Eingang des Stalls stehen oder auf dem Boden liegen. 14 bis 100 Tage sind sie alt, ihre Vollmilch bekommen sie aus einem Automaten. Später einmal sollen sie selbst Milch liefern, im Schnitt 5000 Liter pro Jahr – Spitzenleistung: etwa 7000 Liter. „Bei konventioneller Viehhaltung sind es im Schnitt 8000 bis 9000 Liter pro Jahr mit einer Spitzenleistung bis zu 14.000 Liter“, sagt Friedhelm Gansloser: „Die Bauern stehen unter ökonomischem Druck und drücken die Leistung der Kühe bis an deren physiologische Grenze.“
Der Agraringenieur betreibt mit seiner Frau Annerose und seinem Sohn Matthias den Kalmenhof in Dornstadt-Scharenstetten. Den Hof gibt es seit 1996, seit 2009 ist er nach Demeter-Richtlinien zertifiziert. Gansloser lässt seine Kühe von Mitte Mai bis Ende Oktober auf den mehr als acht Hektar Wiese direkt neben dem Hof weiden; die Jungtiere haben einen befestigten Auslauf. Den Kraftfuttereinsatz fährt der Landwirt zurück. „Das Tier ist gesünder und lebt länger. Die geringere Leistung gleicht der höhere Preis aus“, erklärt Gansloser. „Wir fahren finanziell mindestens genauso gut wie vorher.“

Wachstum ist nicht alles
Einer auf maximale Effizienz setzenden, konventionellen Landwirtschaft steht er kritisch gegenüber: „Sie können die Effizienz steigern bis zum Anschlag, bis die Kuh tot umfällt, man wird nie viel Geld dabei verdienen.“ Er ist gegen den „Glauben, dass nur Wachstum alles verbessert“ – eine Haltung, mit der er sich in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) aufgehoben fühlt. Nachdem er mehrere Jahre keine Beiträge bezahlt hatte, kehrte Gansloser dem Bauernverband im Jahr 2000 endgültig den Rücken, frustriert von dessen Milchpolitik. Er wechselte zur AbL, deren Landesvorsitzender er von 2012 bis 2014 war. „In der AbL sind die Leute, die sich selbst noch nicht aufgegeben haben, die Fehler sehen und was dagegen machen“, sagt Gansloser.
Angesichts einer Million Euro Schulden durch die Hofgründung sei das finanzielle Risiko zu groß gewesen, schon 1996 auf Bio umzusteigen. Mit der Entwicklung der Landwirtschaft war Gansloser aber schon länger unzufrieden. Er las in den 2000er Jahren wissenschaftliche Studien, die Pflanzenschutzmittel als ungefährlich einstuften – habe aber erkannt, dass bestimmte Gefahrenbereiche ausgeblendet wurden. Die zunehmende Finanzierung der Wissenschaft durch Drittmittel habe die Forschungsfreiheit eingeschränkt: „Wer von Mon-santo bezahlt wird, wird ihnen sagen, was Monsanto will.“ Ganslosers Vertrauen war erschüttert. „An der Landwirtschaft werden Millionen verdient, nicht aber in der Landwirtschaft“, empört er sich. „Entweder verdrängt man es aus dem Bewusstsein oder man muss etwas tun. Ich habe mich fürs Handeln entschieden.“ Seit der Umstellung auf Demeter habe er das Gefühl, wieder „wirklich Landwirtschaft“ zu betreiben. „Ich schaffe mit der Natur, nicht gegen sie“, sagt er.
Sofort wieder Demeter
Auf der rechten Seite des Stalls steht der gesamte Nachwuchs von 50 Jungtieren. Am Ende des Stalls dominiert die Trägheit: Trächtige Kühe, zwei Jahre und älter, mit dicken Bäuchen, stehen dort. Nachdem sie das erste Mal gekalbt haben, wechseln sie zur gegenüberliegenden Seite des Stalls. Dort tummeln sich 55 Milchkühe.
Gansloser produziert aber nicht nur Milch. Auf 60 Hektar Ackerland baut er Weizen, Dinkel, Einkorn, Hafer, Ackerbohnen, Buchweizen und Linsen an. Der Bauer verkauft seine Produkte ab Hof und an Demeter-Abnehmer wie die Verarbeiter Erdmannhauser und Naturata.
Gansloser würde „sofort wieder“ auf Demeter umstellen. Die Kunden und Abnehmer wertschätzen ihn und seine Produkte. Stabile Preise garantieren dem Landwirt eine gewisse Planungssicherheit. Warum stellen dann nicht mehr Bauern auf Bio um? Um zu wechseln, müsse man Zweifel an der konventionellen Landwirtschaft entwickeln, sagt Gansloser. Manche Bauern hätten zudem Angst davor, dass sie die Bio-Produkte nicht loskriegen. „Andere kleine Betriebe haben schlicht und ergreifend resigniert.“ Diese würden ihre Tiere gerne artgerecht halten, erhielten vom Staat aber kein Fördergeld.
In Ganslosers Kuhstall mit 800 Quadratmetern Fläche sind die Tiere nicht eingepfercht. Sogar einen ganz eigenen Stall hat das Pferd namens Lukas. Der Schwarzwälder Fuchs ist schon 26 Jahre alt. „Lukas bleibt vollends da, der kommt nicht mehr in die Wurst“, sagt sein Besitzer


AbL - Der Verein

Südwestpresse 2.3.2018
Der Verein - Protestaktionen


Region / 02.03.2018
Im Jahr 1973 beschäftigte sich ein Arbeitskreis junger Landwirte mit Fragen der Dritten Welt und wurde so auf die eigene Situation zurückgeworfen: Ist der Bauer ein Unternehmer? An wen gehen die staatlichen Fördermittel? Vertritt der Bauernverband die kleineren Betriebe eigentlich noch? Ein Jahr später die erste Aktion: Protest gegen niedrige Braugerste-Preise. 1980 gründeten die Landwirte einen Verein, der 1983 „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Bauernblatt e. V.“ genannt wurde. Das „Bauernblatt“ gibt die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) noch heute heraus, es heißt nun „Unabhängige Bauernstimme“.
Die AbL setzt sich für den Erhalt kleinerer und mittlerer landwirtschaftlicher Betriebe ein. Im Verein sind Bauern aktiv, die ihre Höfe biologisch oder konventionell betreiben. Die AbL arbeitet mit Organisationen aus Umwelt-, Natur- und Tierschutz, entwicklungspolitisch Engagierten, kirchlichen Organisationen und Bauernorganisationen zusammen.
Mit Aktionen sorgt die AbL noch heute für Furore: Vor zwei Jahren hat sie über 100 Paar Gummistiefel vor dem Landwirtschaftsministerium in Schwerin drapiert, um das Höfesterben zu symbolisieren. Der Verein ist unter anderem an Aktionen und Demos gegen niedrige Milchpreise, die Freihandelsabkommen TTIP und CETA und die geplante Fusion der Konzerne Bayer und Monsanto beteiligt.
Jüngst war die AbL Mitveranstalter der achten „Wir haben es satt“-Demonstration während der Agrarmesse „Grüne Woche“ in Berlin. 30 000 Menschen waren beteiligt. Überdies ist der Verein Gründungsmitglied des bundesweiten „Netzwerks Gerechter Welthandel“ und unterstützt das bundesweite Bündnis „Konzernmacht beschränken“.

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